Scroll to top
DEEN
Newsletter

Ausstellung AEDES Berlin

wirklichwahr
October 2011

Die Ausstellung „Wirklichwahr“ zeigt jeweils fünf gebaute und fünf ungebaute Projekte von blauraum architekten in Form von Fotografien, die diesen ontologischen Unterschied aber nicht darstellen. Mit dieser Strategie attackieren blauraum architekten eines der überholtesten Axiome der Architektur, die Teilung der Welt des Bauens in zwei Welten – hier die belastbare Wirklichkeit, dort die unerfüllte Projektion. Was für ein fruchtloser und überflüssiger Gegensatz! Ein Blick in die Architekturgeschichte führt uns vor Augen, dass ungebaute Architektur die Wirklichkeit oft viel stärker beeinflusste als die Heerschaaren realisierter, aber deswegen doch nicht minder banaler Projekte, die das Gros unserer gebauten Umwelt bilden. Schon allein die synonyme Benutzung der Attribute „gebaut“ und „realisiert“ sollte einen misstrauisch machen. Was sagt die Tatsache, ob ein Projekt gebaut wurde oder nicht, über den Wirklichkeitsgrad von Architektur aus? So wurde Mies van der Rohes Entwurf für ein gläsernes Hochhaus an der Berliner Friedrichstraße von 1921 nicht gebaut. Die Zeichnung des Projektes nistete sich dafür in unzähligen Architektenhirnen des 20. Jahrhunderts ein, wo sie zahllose  Versionen dieses Vorbilds inspirierte, die Mies’ Traum einer gläsernen Architektur in vielfältig abgewandelter Form schließlich doch gebaute Gestalt annehmen ließen.

Dass diese Zeichnung eine derartige Wirkungsmacht entfalten konnte, liegt auch daran, dass sie ihr Medium nicht verleugnet – Bleistift und Kohle auf Papier.  Sie bringt eine Vorstellung zur Anschauung, aber simuliert keine Realität. Mit dem Einzug fotorealistischer Visualisierungstechniken in den 1990er Jahren hat sich das verändert. Die Macht des Renderings bringt Architekten in Versuchung, ihre ungebauten Projekte bereits wie gebaut aussehen zu lassen. Die Konsequenzen sind durchaus fatal. Zum einen bestätigen sie damit das ontologische Klischee der Architektur, demzufolge ein gebautes Haus realer sei als ein nur entworfenes. Zum anderen vernachlässigen sie auch sträflich unsere Vorstellungskraft, die Mies und seine Mitstreiter mit ihren abstrakteren Visualisierungen so vielstimmig zu provozieren wussten. Die Zeichnung des Hochhauses an der Friedrichstraße ist deswegen so bedeutsam geworden, weil sie die Raumvorstellung, die Mies mit dem Haus verfolgte, über das konkrete Projekt hinaus universell zu formulieren vermochte. Diese übergreifende Bedeutung geht dem fotorealistischen Rendering ab, weil es an der Dinglichkeit des einen Projektes kleben bleibt.

Die unkritische Haltung, mit der ein Großteil der Architekten heute dem Rendering verfallen ist, offenbart zudem ein offenkundig naives Verständnis von Fotografie. Während sich im allgemeinen Bilddiskurs längst die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Bilder die Welt im Akt ihrer Darstellung verändern und letztlich eine eigene Realität konstituieren, hält sich im Architekturkontext hartnäckig der Glaube, Architekturfotografie gebe die Realität des Gebäudes wirklichkeitsgetreu wieder. Dabei weiß jeder, der ein fotografiertes Gebäude auch selbst erfahren hat, wie hochgradig manipuliert Architekturfotografien sind – selbst dann, wenn sie nicht retuschiert werden, was heute selbstredend immer öfter der Fall ist.

Doch soll den Architekten dieser Wille zur Manipulation gar nicht abgesprochen werden. Im Gegenteil, man muss sie ermutigen, diese Lust an der Verfremdung voll auszuleben, statt sie klammheimlich unter der Bettdecke zu praktizieren. Und genau dabei können Architekten von Künstlern lernen. Als der Künstler Thomas Ruff von Herzog de Meuron beauftragt wurde, ihre Sammlung Goetz in München zu fotografieren, setzte er sich souverän über die Intentionen der Architekten hinweg. Die Birken im Garten des Grundstücks, die für die Architekten so wichtig waren, dass sie die Fassade des Gebäudes aus Birkenholz bauten, retuschierte Ruff kurzerhand aus dem Bild, weil sie ihn daran hinderten, jene Form von Künstlichkeit zu visualisieren, die das Gebäude für ihn ausstrahlte. Herzog de Meuron wussten diese Freiheit des Künstlers zu akzeptieren und haben davon nicht unerheblich profitiert.

In dieser Tradition reiht sich diese Ausstellung von blauraum architekten ein. Die Bilder des Künstlers Giovanni Castell und der Architekturvisualisierer von bloom images nähern sich dem starren Gegensatzpaar von gebaut und ungebaut in einer gegenläufigen Bewegung von zwei Seiten: sie derealisieren das Gebaute und hyperrealisieren das Ungebaute. Welches Gebäude gebaut ist und welches nicht, bleibt bewusst unklar. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen und eröffnen einen Zwischenraum des Möglichen. „wirklichwahr“ lässt uns realisieren, dass die Welt immer so wahr ist, wie wir sie nehmen wollen.

 

Andreas Ruby, Architekturkritiker

Berlin, Oktober 2011